Manchmal fällt eine geniale Idee vom Himmel. Oder aus der Dusche. Doch beim Workshop klappt das selten. Erfahren Sie hier, wie Kreativität funktioniert und wie Sie die Ideenfindung steuern können.

Wo liegen die größten Hürden für Kreativität?

Versuchen Sie, den Text in der Box zu lesen. Klappt einwandfrei, oder? Das funktioniert, weil unser Hirn die besondere Gabe hat, sehr schnell bruchstückhafte Informationen zu sinnvollen Einheiten zusammenzufügen – sogar dann, wenn sie mit Elementen vermischt sind, die dort gar nicht hingehören.


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Diese Fähigkeit erlaubt uns, in unserer komplexen Welt zu überleben. Unbewusst ordnen wir die überwältigende Fülle von Eindrücken rasch zu verständlichen Mustern und können sofort reagieren. Mit der Zeit entsteht im Hirn eine Landschaft bewährter Pfade, ähnlich einer Felslandschaft, in die sich Wasserrinnen eingraben.

Hürde für Kreativität: eingefahrenen Denkbahnen, wie Wasserläufe im Fels

Wenn wir jetzt unseren Ideenworkshop starten und die Brainstorming-Parole ausgeben, frei und wild zu assoziieren, ist das so ähnlich, als würden wir das Wasser anweisen, einfach mal andere Wege zu nehmen. Ist eher schwierig. Deshalb assoziieren die meisten Menschen beim Begriff „blau“ auch zunächst „Wasser“ und „Himmel“– und selten Alkohol oder etwas ganz Anderes. Sie folgen halt den üblichen Pfaden. Aus diesem Grund liefert Brainstorming oft enttäuschende Ergebnisse.

Wie lässt sich Kreativität fördern?

Eine originelle Idee entsteht, wenn wir Elemente miteinander verknüpfen, die üblicherweise NICHT zusammengehören, die eben KEIN bewährtes Muster bilden.

Wenn die zentrale Hürde für Kreativität aber in unserer natürlichen, musterorientierten Art zu Denken liegt, stellt sich die Frage, wie wir sie überwinden können. Schließlich erfolgt die Musterbildung unbewusst – und wir haben keinen Reset-Button für das Hirn.

Trotzdem gibt es mehrere Ansatzpunkte:

  • Trigger nutzen, um das Denken gezielt in ungewohnte Bahnen lenken
  • Diverse Teams zusammenstellen
  • Raum flexibel einrichten oder nutzen
  • Problem oder Innovationsvorhaben „zerlegen“

1. Trigger für die Ideenfindung nutzen

Trigger sind „Leitplanken“, die aus gewohnten Denkbahnen hinaushelfen. Wenn wir beim Bild der Wasserrinnen bleiben, sind es Elemente, die das Wasser in andere Richtungen lenken. Mit ihrer Hilfe klappt es deutlich leichter, übliche Muster zu durchbrechen, als durch freies Assoziieren. Je nach Kreativitätstechnik werden unterschiedliche Trigger eingesetzt.

Für Zufallstrigger werden z.B. „Schatztruhen“ genutzt, die mit unterschiedlichen Gegenständen gefüllt sind, oder Bildersammlungen oder Wörterbücher. Daraus wird per Zufall ein Gegenstand, Bild oder Begriff gewählt, und dann werden Ideen gesucht, die in irgendeiner Form damit zu tun haben. Beispielsweise könnten Ideen für einen neuen Service gesucht werden, der etwas mit einem „Zug“ zu tun hat… daraus können Ideen für modulare Angebote entstehen (man kann Wagons an- und abhängen), für neue Angebotsklassen (express, regional etc.), für innovative Preisstrukturen (Flatrate, Bahncard 50 etc.) und vieles mehr.

Auch Megatrends können als Trigger genutzt werden, insbesondere für Produkt-, Service- oder Geschäftsmodell-Innovationen. Dabei dienen Möglichkeiten und Bedürfnisse, die sich aus langfristigen, branchenübergreifenden Trends ergeben, als Gedanken-Anstoß zur Entwicklung von Innovationsvorschlägen. Das führt beispielsweise zur Entwicklung von neuen Produkten, die mobil genutzt, personalisiert angeboten oder speziell auf die wachsende Gruppe der „Silver-Ager“ zugeschnitten werden.

Erfolgsmuster von Innovation sind meine persönlichen Favoriten als Trigger. Sie führen nicht nur aus eingefahrenen Denkbahnen hinaus, sondern auch in erfolgversprechende Regionen hinein. Dadurch erhält man deutlich mehr Ideen, die nicht nur originell, sondern auch machbar sind. Das ist das Prinzip der Kreativitätstechnik ASIT®.  Wenn Sie wissen wollen, welche Erfolgsmuster das sind, lesen Sie diesen Artikel.

2. Diverse Teams für Kreativ-Workshop zusammenstellen

Jede und jeder von uns hat andere Kenntnisse und Erfahrungen – und damit auch andere Muster-Landschaften im Kopf. Wenn Sie Ideenfindungs-Teams so zusammenstellen, dass unterschiedliche Menschen zusammenkommen, erhöhen Sie automatisch die Chancen, dass neue, ungewöhnliche Muster und kreative Lösungen entstehen. So kann ein Gedanke bei Person A zu einem Einfall führen, den Person B nie gehabt hätte, der bei B aber weitere Ideen auslöst, auf die A nie gekommen wäre… Mischen Sie Menschen mit unterschiedlichen Fachkenntnissen aus verschiedenen Abteilungen, solche die schon lang dabei sind mit Neuzugängen und Personen mit vielfältigen persönlichen und kulturellen Hintergründen.

3. Workshop-Raum flexibel einrichten oder nutzen

Körper(-haltung) und Denken sind unmittelbar miteinander verknüpft, wie zahlreiche Studien zeigen. Verkürzt gesagt: Bewegung des Körpers erleichtert Bewegung im Kopf. Das ist eigentlich praktisch, denn Sitzen, Stehen oder Gehen und Raumaufteilung lassen sich sehr einfach verändern. Innovation-Labs oder Innovation-Spaces sind deshalb flexibel eingerichtet. Wenn Sie so etwas haben, nutzen Sie es. Wenn nicht, ändern Sie das übliche Sitz- und Tischmuster im Besprechungsraum einfach ein wenig ab. Stellen Sie die Tische z.B. zu Kleingruppen zusammen. Und nutzen Sie mehrere Flipcharts, um flexibel sitzend oder stehend arbeiten können. Oder verlegen Sie Ideensprints in die Gänge oder nach draußen. Man findet fast überall Wände oder Fenster, an denen sich Post-its befestigen lassen.

4. Problem oder Innovationsvorhaben „zerlegen“

Dieser Aspekt ist nicht ganz so einfach zu verstehen wie die zuvor genannten, deshalb gibt es dafür einen eigenen Artikel. Das Zerlegen von Problemen oder Innovationsvorhaben hilft uns, ein Wahrnehmungsmuster zu durchbrechen, das „funktionelle Fixierung“ genannt wird. Es bedeutet, dass wir Elemente, Personen oder Prozessschritte unbewusst mit den Funktionen oder Rollen verbinden, die sie im aktuellen Kontext üblicherweise erfüllen.

Wir kommen gar nicht darauf, dass sie anders genutzt werden könnten und übersehen dadurch eine Fülle von Möglichkeiten. Mehr dazu finden Sie hier.

Zusammenfassung: Wie Kreativität gelingt

Um kreative Lösungen und geniale Ideen zu finden, müssen wir eingefahrene, weitgehend unbewusste Denk- und Wahrnehmungsmuster durchbrechen. Das funktioniert am besten, wenn wir es systematisch angehen: mit Triggern, in diversen Teams und flexiblen Räumen. „Frei und wild“ klappt nur zufällig. Als Erfolgsrezept für die Ideenfindung ist es ein Mythos.

Lesetipps

  • Erfolgsmuster von Innovation als Trigger für die Ideenfindung
  • Probleme und Innovationsvorhaben „zerlegen“ für bessere Ideen und Lösungen
  • Klassiker von Edward de Bono, empfehlenswert, wenn Sie kreatives Denken trainieren möchten: De Bonos neue Denkschule, mvg-Verlag

Fotos: Mat Reding on Unsplash, Bryan Rodriguez on Unsplash